Linden – eine wahnsinnige Geschichte – Teil 10: Verführte Massen und väterliche Güte

Rote Fahne der 22. Abteilung der SPD

Rote Fahne der 22. Abteilung der SPD

Und Egestorff – hatten Arbeiter da etwas gutzumachen? Immerhin hatte es im Revolutionsjahr 1848 einen ersten Streik (obwohl Streik laut Polizeigesetz verboten war) gegeben: die reine Arbeitszeit sollte v.a. von 12 auf 11 Stunden täglich verkürzt werden. Egestorff stimmte mit Blick auf  revolutionäre Umfeldereignisse zu. Als ein halbes Jahr später die Forderung präzisiert und erweitert wurde (Arbeit von 6 – 18 Uhr bei 2 Stunden Pause), winkte der Boss ab und rief die Polizei. Die drohte mit Gefängnis, der Streik brach zusammen. Rädelsführer wurden entlassen und aus dem Königreich ausgewiesen, gegenüber den verführten Massen ließ Egestorff väterliche Güte walten. Vor der Belegschaft hob er den Zeigefinger hoch in die Luft. Hätte er ihn einigermaßen angefeuchtet, wäre die aktuelle Windrichtung festgestellt worden: Nord-Nordost. Die kannte Egestorff aber auch so: „Keine dummen Sachen mehr, sonst kracht es.“ Die Arbeiter nahmen es gelassen zur Kenntnis, gleiche Worte hatten sie von Vater, Lehrer und Unteroffizier beim Militärdienst gehört. Nur Johann Cordt, natürlich ein Nachfahre des Bauern Ludwig Cordt aus dem 2. Teil dieser Geschichte, murrte: „Ich gehe zu den Sozialdemokraten und dann machen wir euch Feuer unter dem Arsch.“ Er war so vorlaut wie sein seliger Vorfahr: die Sozialdemokraten waren natürlich noch gar nicht gegründet. Was hingegen unter dem Beifall der Chef-Etagen in die Welt gekommen war,  nannte sich „Prügelo-Melodicon“ und wurde im „Hannoverschen Volksblatt“ gefeiert. Allenthalben plante man, das Gerät massenhaft zu importieren, denn es sprach eine arbeiterverständliche und gleichzeitig kunstfördernde Sprache:
„Ein englischer Maschinist, John Nutcracker, hat eine Prügelmaschine erfunden. Die Maschine hat die Form eines Claviers und ist ebenso wie dieses mit Tasten und Saiten versehen; hinten endet es in einem vier Fuß tiefen Kasten, in welchen sich der auszuprügelnde Gegenstand stellt. Der Strafbare wird auf diese Weise nach Noten geprügelt, und indem man ihn durch Schläge zu bekehren versucht, strebt man zugleich sein Ohr durch die allentzückende Macht der Musik zu veredeln.“
Ja so warns, die Nachfahren der alten Rittersleut. Derweilen wälzten sich die Arbeiter in einer Hängematte aus Barmherzigkeit.

Der Leitartikler der „Hannöverschen Landesblätter“ behauptete, „die vielen Unterstützungsvereine tragen zum Verderben der arbeitenden Classe dadurch bei, dass die Armen gewöhnlich ihre Unterstützungen, ohne etwas dafür zu leisten, empfangen.“  Derart verwöhnt fielen sie reihenweise dem Alkohol zum Opfer, dessen Konsum die Obrigkeit schließlich als „Branntweinpest“ geißelte. Dabei war man in einem echten Zwiespalt. Die Branntweinsteuer war immerhin ein wichtiger Posten im Haushalt des Königreichs. Schon 1691 hatte der Kurfürst ein Edikt gegen Trunkenheit erlassen, das von den Kanzeln verkündet werden musste. Doch spätestens 150 Jahre später war die Schlacht verloren, weil sie auf einer folgenschweren Fehleinschätzung beruhte: wer säuft, verelendet. Daß bei den Armen eher umgekehrt ein Schuh draus wurde (wer elend lebt, säuft), ging der hohen Obrigkeit nicht auf. Und so schossen überall die „Mäßigkeitsvereine“ wie Pilze aus dem Boden. Allerdings mit kurzfristigem Erfolg und wesentlich auf das Bürgertum beschränkt.
Zeitzeuge Wilhelm Rothert schrieb darüber: „Von ihren Bollwerken, den Schenken aus, machten die Trinker und Wirte mit Hohn und Spott… die niedrigsten Angriffe auf die Enthaltsamen. Welch ein Jubel der Stammgäste, wenn ein Rückfälliger wieder zur Flasche griff… Dann kam das Jahr 1848. Alle Wirtshäuser füllten sich mit Volksversammlungen und kannegießenden Philistern, die Köpfe erhitzten und berauschten sich in den ausschweifendsten Ideen, die Politik verschlang alle sonstigen Interessen, mit der neuen Redefreiheit erwachte die alte Trinkfreiheit: die Zeiten der Mäßigkeitsvereine waren vorüber.“ Das machte die Lindener selbstbewusster, wenn auch nicht gerade klarer im Kopf.

Aus dem Buch „Linden – Eine wahnsinnige Geschichte“ des kürzlich verstorbenen Autors Hans-Jörg Hennecke

Das Buch, ein Klassiker, ist leider auch in der zweiten Auflage vergriffen.

Schreibe einen Kommentar