Linden – eine wahnsinnige Geschichte – Teil 8: Linden wird zum Industriedorf

Mechanische Weberei 1925

Mechanische Weberei 1925

Nun hat Reichtum seine eigenen Gesetze. Er schreit unverdrossen nach ständiger Vermehrung. So erreichte die Idee, Fabriken zur billigen Massenproduktion zu gründen, auch das Dorf Linden. Sie schossen wie Pilze aus dem Boden: Mechanische Weberei, Baumwollspinnerei, Egestorffsche Maschinenfabrik (die spätere Hanomag). Georg war der Chef, Sohn des Alten. Um zu werden, was er wurde, waren einige Widerstände zu überwinden. Massenproduktion muss transportiert werden, Pferdefuhrwerke und Ihmekähne reichten dazu längst nicht mehr aus. Seit die Dampfmaschine erfunden war, träumte alle Welt von der Eisenbahn. Nur einer nicht: Hannovers König Ernst-August. Der hatte schon 1837 die Verfassung gebrochen, die Gebrüder Grimm und andere Denkende aus seinem Königreich verwiesen, obwohl er kaum einen qualifizierten Hauptschulabschluss ohne Protektion erreicht hätte. Der also tönte zumeist kategorisch. In diesem Fall war er zudem außer sich: „Eisenbahn? Niemals! Ich will nicht, dass jeder Schneider oder Schuster so rasch reisen kann wie seine Majestät der König. Immerhin bin ich von Gottes Gnaden – oder umgekehrt.“
Doch das ganze Gezeter half ihm nichts. Wo wirtschaftliche Kräfte machtvoll drängen, kann kein König sein Zepter halten. Und so wurde 1844 eine Eisenbahnlinie von Hannover nach Braunschweig in Betrieb genommen. Das war damals Ausland, gehörte nicht zum Königreich Hannover.
Der arrogante Schwätzer  Ernst-August ließ sich von „sein treues Volk“ ein Denkmal vor dem Hauptbahnhof errichten, als sei er nie gegen die Eisenbahn gewesen.
Die nicht adelig-degenerierten Bürger sahen das natürlich ganz anders. Die hannoversche Morgenzeitung „Die Posaune“ begeisterte sich über die Möglichkeit, „in weniger als zwei Stunden nach Braunschweig kommen zu können“. Überschwänglich berichtete das Blatt über die technische Neuheit: „Nicht Rosse fördern den unabsehbaren Zug; es sind feuersprühende Dämonen, unempfindlich gegen Schmerz und Mühe, welche knirschend der Gewalt der Dämpfe gehorchen, der unwiderstehlichen weltverändernden allesbewegenden Gewalt, welche eine leise Bewegung in einem einzelnen Menschengehirn in den Kreis der Zeit gerufen hat.“
Und die Egestorffs? Natürlich lagen die auf der Lauer und witterten mächtig Reibach. Wer Eisenbahnstrecken in Betrieb nimmt, braucht Eisenbahnen. Und wer baut die? Georg Egestorff, wer sonst im Königreich. Für die Ständeversammlung desselben formulierte er das schließlich so:
„Der Wohlstand des ganzen Vaterlandes und mit ihm die Steuerkräfte der Unterthanen werden sich mehren…“
Ja, wer kann da noch Nein sagen. Egestorff II. war im Geschäft.

Aus dem Buch „Linden – Eine wahnsinnige Geschichte“ des kürzlich verstorbenen Autors Hans-Jörg Hennecke

Das Buch, ein Klassiker, ist leider auch in der zweiten Auflage vergriffen.

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