Linden – eine wahnsinnige Geschichte – Teil 7: Das Rezept für Reichtum

Denkmal im Lindener Volkspark

Denkmal im Lindener Volkspark

1772 wurde Johann Egestorff in Lohnde geboren. Das meldete keine Zeitung, deshalb steht es aus gutem Grunde hier. Er kam aus einfachen Verhältnissen (der Vater war Kleinbauer und Fischer). Ab 1795 arbeitete er als Böttchergeselle bei Stukenbrok, der am Lindener Berg eine Kalkbrennerei und Böttcherei betrieb. Obwohl kaum des Lesens und Schreibens kundig, war er ein scharfer Rechner. Stukenbrok nicht, der machte bald Konkurs. Da es keinen Sozialplan für die Beschäftigten gab, übernahm Egestorff den Betrieb unter heftiger eigener Verschuldung. Als Wohnung blieb ihm das Kalkbrennerhäuschen am Berg und so nannte man den Emporkömmling spöttisch „Kalkjohann“. Der Unterschätzung folgte bald Bewunderung. Binnen weniger Jahre übernahm und gründete Egestorff I. Steinbrüche, Holzhandel, Kohlegruben, Ziegeleien und eine Zuckerfabrik. Und, hastenichtgesehen, gehörte ihm so ungefähr der ganze Lindener Berg.
Das war die Zeit der Franzosenherrschaft (1803-1813). Napoleons Truppen hatten Mittel- und Osteuropa überrannt und Linden dem Königreich Westfalen einverleibt: Das war eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Napoleon und löste wenig Begeisterung aus.
Die Soldaten aus Linden und Umgebung erinnerten sich daher daran, dass sie bereits den Doppelpass besaßen, der fast 200 Jahre später bei einer Minderheit zum Objekt der Begierde wurde: Personalunion mit England war angesagt, der König in London regierte gleichzeitig in Hannover. Also zogen sich ganze Truppenteile aus der hiesigen Gegend über den Ärmelkanal zurück und wurden zur „Königlich Deutschen Legion“. Bei Waterloo gaben sie schließlich gemeinsam mit Briten und Preußen Napoleon den Rest. Chef der Hannoveraner dort in Belgien: Carl von Alten, dem wir somit den Waterlooplatz verdanken. Er teilt uns mit: „Vor dem Staatsarchiv können Sie mich treffen!“
Hier geblieben waren die reichen Stadt-Hannoveraner. Die pfiffen auf Napoleon und bauten sich in Linden Villen und Landhäuser, nichtahnend, dass Lindens Zukunft als Proletarier-Stadt bereits abgemachte Sache war.

Auch Egestorff hatte mit den Franzosen wenig Probleme. Die hatten moderne Technik und moderne Ideen und der Jungunternehmer lernte schnell. Schwieriger war da der Konkurrent aus Bredenbeck, die berühmte Familie von Knigge. Die hatte der Menschheit durch ihren Spross Adolph nicht nur freiheitliche Lebensregeln beigebracht („Vom Umgang mit Menschen“), sondern betrieb eine mächtige Firma in der gleichen Branche wie Egestorff. Also musste der eine geniale Strategie ersinnen: „Gegner, die du nicht besiegen kannst, musst du zu Verbündeten machen.“ Und das funktionierte. Egestorff verpflichtete sich zur Abnahme der Kniggeschen Produkte, dafür zogen sich die Barone aus Linden und Hannover  zurück.
Als Johann Egestorff 1834 starb, hinterließ er lachende Erben. Und ein Rezept für Reichtum. Es ist noch heute auf seinem Grabstein vor der Martinskirche zu erkennen. Dort ist kein Lottoschein abgebildet, sondern ein Bienenkorb. Denn, so der Kalkjohann, „nur durch Bienenfleiß kommt man zu Reichtum“. Nachmachen ist ausdrücklich erlaubt.

Aus dem Buch „Linden – Eine wahnsinnige Geschichte“ des kürzlich verstorbenen Autors Hans-Jörg Hennecke

Das Buch, ein Klassiker, ist leider auch in der zweiten Auflage vergriffen.

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