Linden – eine wahnsinnige Geschichte – Teil 6: Ein Graf lässt weben

WeberhaeuserPlaten war ein schlauer Fuchs. Logisch folgerte er:
„Die Leute werden irgendwann eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gründen und minderwertige Lebensmittel massenhaft produzieren. Daraus entstehen elende Krankheiten. Damit ist dann kein Geschäft mehr zu machen. Der Reibach liegt in neuen Entwicklungen. Ich muss die Manufaktur entwickeln, aus der schließlich Industrie entstehen kann. Wenn das klappt, loben mich die Nachfahren über den grünen Klee.“
Naja, Straßenbenennungen waren natürlich auch noch drin, wie der Schlauberger richtig vermutete.
Gesagt, getan. Auf grünem Klee ließ der Graf die Weberstrasse erbauen, nahe seines neuerbauten Schlosses im Von-Alten-Park  In Sichtweite, denn der alte Fuchs prägte den Lehrsatz: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Ein russischer Revolutionär behauptete allerdings später, der Satz sei von ihm.
Nun gab es gerade wieder mal ein frisches Jahrhundert und man schrieb exakt: Anno domini 1700.
In der Weberstrasse entstanden 31 Weberhäuser. Die Bewohner waren im Weserbergland angeworben und verstanden die Kunst des Leinewebens. Die betrieben sie in einem Arbeitsraum ihres Hauses: Heimarbeit war angesagt. Erbärmlich bezahlt, wie das damals international üblich war.
Eine aufgeregte Debatte begann: gehört die Weberstrasse zu Linden?  Was wollen die Fremden hier? Dürfen die etwa auch in der Martinskirche beten?
Um die Gemüter zu beruhigen, wurde das neuerschlossene Wohngebiet „Neu-Linden“ getauft, eine Art eigene Gemeinde. In Haus-Nummer 23 wurde gar eine Schule eingerichtet, doch für eine Kirche reichte es nicht. Also gingen die Zugewanderten genau wie die Ricklinger zur Martinskirche, was regelmäßig Tumulte hervorrief. Denn dort hatte jeder nach Stand und Vermögen seinen eigenen Sitzplatz. Was neben dem eigentlichen Gottesdienst dort ablief, lässt sich aus den Protokollen des Calenberger Amtes ablesen:
„Jasper Bock, Cordt Bock, Arnd Gastin, Jasper Strues und Hans Lutter haben sich übel bei währendem Gottesdienst bezeiget und die Ricklinger aus ihren Stellen gedrungen, und ob zwar der Priester Silentium geboten, solches nicht geachtet = 2 Thaler, 28 Groschen Strafe.“ Was sonst so passierte: „Hans Lutter lief trotz des priesterlichen Protestes während des Gottesdienstes aus der Kirche“ und – noch schlimmer – „Jasper Bock und Jürgen Volkmanns Frau haben sich Ostertags in der Kirche geschlagen.“ Das kostete immerhin 1 Thaler und 4 Groschen.

Mit der Leineweberei war klar: Linden sollte längerfristig Industriestadt werden. Doch noch war es Dorf, die Weberstrasse nur der Anfang vom Anfang. Dabei hätte man in Linden vielleicht die Opec gründen können, denn 1730 wurde zwischen Badenstedter und Davenstedter Strasse eine Ölquelle entdeckt. Mangels Existenz von Esso oder DEA bemühte man den königlichen Leibarzt Steigerthal zur Qualitätsprüfung. Der kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: „Das Öl, das äußerlich von einem erfahrenen Chirurg mit Vorsichtigkeit möge gebrauchet werden. Wir tragen aber zu innerlichen Kuren Bedenken, dieses wegen seiner durchdringenden hitzigen Kraft einem Menschen, in Sonderheit Kranken, zu verordnen.“ Also: einreiben ja, trinken nein. Dafür kam der Arzt ins hiesige Adressbuch, wenngleich die Steigerthalstrasse nicht der Nabel von Linden ist.

Zum Glück wurde 160 Jahre später das Automobil erfunden, in welchem Öl seine hitzige Kraft beweisen konnte. Aber da war die Lindener Quelle schon versiegt.

Aus dem Buch „Linden – Eine wahnsinnige Geschichte“ des kürzlich verstorbenen Autors Hans-Jörg Hennecke

Das Buch, ein Klassiker, ist leider auch in der zweiten Auflage vergriffen.

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